#LiMA17 - PREVIEW

#LiMA17

Referenten
Claudia Fix
Viviana Uriona
Programm
Tag Mittwoch - 2017-04-05
Raum FMP | Münzenbergsaal 2
Beginn 18:00
Dauer 02:00
Info
ID 454
Veranstaltungstyp Werkstatt Starter
Track podium
Sprache der Veranstaltung deutsch

Medien-Vorbild Lateinamerika?

Soziale Medien zwischen Manipulation und Aufklärung

!!! Achtung Raumwechsel: nun Münzenberg-Saal 2 !!!

Ob Trumps Wahlkampf oder der hate speech der AfD-Anhänger*innen – soziale Medien galten zuletzt überall als verantwortlich für die gesellschaftliche Polarisierung – auf der einen Seite. Aber auf der anderen Seite sorgen alternative Medien, die in Brasilien in live streams bei Facebook über Proteste berichten, oder in Argentinien wirkungsvolle Gegenöffentlichkeit über community radios gestalten, für eine ausgewogenere Berichterstattung angesichts der politischen Manipulation der mainstream-Medien.

Inwieweit lassen sich Erfahrungen mit gesellschaftlicher Polarisierung durch (soziale) Medien von Lateinamerika nach Europa (und umgekehrt) übertragen? Gibt es einen weltweiten Trend der gesellschaftlichen Polarisierung, der durch die verstärkte Nutzung der sozialen Medien ausgelöst wurde? Oder ist diese verstärkte Nutzung im Gegenteil eine Chance auf Demokratisierung der Informationsverbreitung?

2016 wurde die demokratisch gewählte brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff mit fadenscheinigen juristischen Begründungen ihres Amtes enthoben. Vorbereitet hatten diesen Prozess die privatwirtschaftlichen Massenmedien des Landes, allen voran der TV-Sender Globo und die Zeitschrift Veja: Sie riefen zu Demonstrationen gegen die Regierung Rousseff auf und berichteten über die Korruptionsermittlungen gegen die Arbeiterpartei ganz offensichtlich parteiisch und diffamierend. Die gesellschaftliche Polarisierung wurde millionenfach in den sozialen Medien aufgenommen, hate speech entzweite Familien, Freunde und Wohnviertel, die Polarisierung führte auch zu tätlichen Angriffen – auf der einen Seite. Doch auf der anderen Seite wurden alternative Medien, wie das Kollektiv Mídia Ninja (fast 400.000 Freunde und 1,3 Millionen likes auf Facebook) immer wichtiger, um bestimmte Informationen überhaupt zu verbreiten, zum Beispiel zu Protesten, oder um Interviews mit Gegner*innen der aktuellen Nachfolgeregierung zu führen.

In Argentinien existieren nach unteren Schätzungen 3000 community radios. Sie sind weder Staatsfunk, noch gewinnorientierte private Sender. Was hierzulande als veraltetes Plätschermedium gilt – Radio – dort ist es ein kaum zu unterschätzendes Werkzeug für soziale Kämpfe. Die zahlreichen Radios werden von sozialen Gruppen gemeinschaftlich aufgebaut und betrieben, senden gegen den mainstream an, erfinden völlig neue Sendeformate, beziehen die Hörer*innen in die Inhaltsgestaltung ein und weben ein dichtes Netz der Kapitalismuskritik in den Äther hinein. Die community radios sind Schrittmotoren beim Volksaufstand gegen die Regierung Duhalde gewesen, üben ihre Meinungsmacht zum Schutz wiedereroberter Fabriken und selbstverwalteter Stadtteile aus, spielen eine wesentliche Rolle bei der Verteidigung des indigenen Gemeinschaftslandes vor landgrabbing und üben erheblichen Druck aus auf die jetzige rechtsliberale Regierung Macri.

Inwieweit lassen sich Erfahrungen mit gesellschaftlicher Polarisierung durch (soziale) Medien von Lateinamerika nach Europa (und umgekehrt) übertragen? Gibt es einen weltweiten Trend der gesellschaftlichen Polarisierung, der durch die verstärkte Nutzung der sozialen Medien ausgelöst wurde? Oder ist diese verstärkte Nutzung im Gegenteil eine Chance auf Demokratisierung der Informationsverbreitung? Diesen und anderen Fragen wollen wir bei dieser Podiumsdiskussion nachgehen.